Editorial

SPOOKY SEASON

Wovor haben wir Angst, wenn wir Horrorfilme schauen? Diese Frage zu beantworten, ist nicht ganz leicht: Einerseits ist uns die Reaktion, das Spiel mit Suspense und Auflösung antrainiert. Andererseits lässt sich anhand der Tropen von Horrorfilmen recht gut rekonstruieren, wovor sich die Gesellschaft fürchtet. Oder zumindest der Teil der Gesellschaft, der darüber bestimmt, was in Horrorfilmen zu sehen ist.

 

Im Bayern des 19. Jahrhunderts erschafft Henry Frankenstein ein Monster aus alten Leichenteilen. Es treibt sein Unwesen, es mordet und wird letztendlich von der Dorfgemeinschaft besiegt. Ein Vampir zieht nach London und versucht, eine junge Frau in seinen Bann zu bringen. Der Leiter der örtlichen Irrenanstalt und ein Professor überwinden den das Monster und besiegen es. Die Filme »Dracula« und »Frankenstein«, beide erschienen im Jahr 1931, können symbolisch für den klassischen Horrorfilm stehen. Die Monster sind unmenschlich, die gesellschaftlichen Autoritäten sind verlässlich in ihrem Kampf gegen den Feind, die Narrative werden abgeschlossen mit dem Sieg über das Böse. Es gibt Bedrohungen in dieser Welt, aber es gibt immer eine Ordnung, die wiederhergestellt werden kann.

 

Viele frühen Filme des Genres folgen diesem Prinzip: Das Böse ist gleichzeitig das Fremde, das Tabu, das gebrochen wird oder Monster, die in die Zivilisation eindringen. In ihnen manifestiert sich die Angst vor dem Unbekannten. Einen der frühesten und prominentesten Brüche mit diesem Konzept stellt Alfred Hitchcocks »Psycho« dar. Das Monster ist durch und durch menschlich. Norman Bates leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung, er ist Opfer seines eigenen Traumas. Der Protagonist des Films selbst überwältigt den Mörder, er landet in einer Zelle. Die gesellschaftliche Ordnung kehrt ein, doch die Krankheit Bates’ ist nicht mit einem Holzpflock zu besiegen. Während im klassischen Horrorfilm das Andere, das Bedrohliche, durch und durch fremd war, verschiebt sich die Angst der Gesellschaft auf die Psyche ihrer Mitglieder.

 

In den darauffolgenden Jahrzehnten sollte der Horrorfilm dem Alltag näher kommen: Psychische Störungen wurden präsenter, die Gefahr zog sich durch die eigene Nachbarschaft und Psyche. Während die Familie in »The Hills Have Eyes« noch ins Outback fahren musste, um dem Horror zu begegnen, werden die Protagonist:innen in »Last House On The Left« in ihrer eigenen Nachbarschaft misshandelt und ermordet. Wie Filmwissenschaftler Robin Wood schreibt: »The Borderline between home and slaughterhouse has disappeared«. Diese Entwicklung präsentiert eine Gesellschaft, die realisiert, dass ihr der Horror selbst innewohnt. Laut Wood wird die Normalität im Horrorfilm durch das heterosexuelle Paar, die Familie und die Institutionen, die diese stützen, repräsentiert. Die einfache Formel des Horrorfilms: »Normality is threatened by the monster«. Das Monster ist variabel und entwickelt sich mit den Ängsten der Gesellschaft. Allzu oft ist das Monster ein Schatten der Normalität, die es bedroht.

 

Dass menschliche Intervention im Horrorfilm zunehmend nutzlos wird, sich die Opfer nicht mehr auf gesellschaftliche Institutionen verlassen können, dass Narrative nicht mehr abgeschlossen werden, ist Ausdruck von Paranoia. In »Nightmare On Elm Street« verfolgt Freddie Krüger seine Opfer im Traum. Der Traum an sich wird häufig mit filmischer Erfahrung in Verbindung gesetzt: Hier kehrt in der Dunkelheit das kollektiv Verdrängte zurück. Gerade in ihrem verletzlichsten Moment, im Schlaf werden die Jugendlichen in »Nightmare on Elm Street« ermordet. Die Grenze zwischen Psyche und Realität verschwimmt, in der Schlussszene bleibt unklar, ob das Monster besiegt wurde. Es gibt kein wirkliches Entrinnen, der Horror kann höchstens eingedämmt werden. Es entsteht ein dauerhafter Kampf zwischen der bürgerlichen Ordnung und der Zersetzung derselben, bei der gesellschaftliche Autoritäten keine große Rolle mehr spielen. Die Opfer selbst führen einen Kampf gegen das Übel, das sie heimsucht.

 

Im Jahr 1996 erschien »Scream« – Hier entfaltete sich nun das vollständige Potenzial des paranoiden Horrors. Die Polizei zeigt sich gänzlich unzuverlässig. Die Mörder selbst besitzen nicht mal mehr ein wirkliches Motiv, sie stammen aus dem gleichen Freundeskreis wie die Opfer. In seinen Querverweisen zum Genre des Horrorfilms drückt sich nicht nur das Bewusstsein über die eigene Postmodernität aus, »Scream« zeigt auch die mediale und soziale Allgegenwärtigkeit des Horrors und seiner Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft. Selbst die filmischen Mittel spielen mit den Erwartungen des Publikums, das sich den Kniffen des Genres bewusst ist. Und eben diesen Punkt macht auch Filmwissenschaftler Andrew Tudor stark: Postmoderner Horror sei ein Spiel, durch welches das Genre dekonstruiert wird. »We are both willing victims of the technique [of suspense] and simultaneousley self-aware parties to its construction«. Das Monster ist kein Monster, es ist nicht zu besiegen: Die Fortsetzungen des Blockbusters drehen sich um Nachahmungstäter:innen und die Verfilmung der Originalgeschichte. Die mediale Psychose, aus der der Horror entsteht, ist nicht zu überwinden.

 

Die Bedrohungen, die an dieser Stelle behandelt wurden, scheinen heute aus der Zeit gefallen. Übernatürliche Monster gibt es nicht, bei Problemen mit der Psyche kann man sich in eine Klinik einweisen lassen. Die Angst vor Gewalt in den Medien ist längst lächerlich geworden, ab und zu wird sie von der bürgerlichen Mitte aufgewärmt, um die Schuld an realen Gewalttaten abwechselnd Videospielen oder Gangsta-Rap zuzuschieben. Die soziale Paranoia hat jedoch nicht abgenommen: Im 2017 erschienen »Get Out« wird die allgegenwärtige Angst der Schwarzen Bevölkerung vor der rassistischen Mehrheitsgesellschaft behandelt, im 2019 erschienen »Parasite« lauert der Horror in den perfiden Strukturen des Turbokapitalismus. »Hereditary«, einer der in den letzten Jahren höchst gelobten Filme des Genres, ertränkt das Publikum in Schuldgefühlen und zeigt kein Entkommen aus der eigenen Tradition.

Im Horrorfilm zeigen sich die Ängste der Gesellschaft. Weil das Genre so vielfältig ist, sind das nicht immer nur die Ängste derer, die am lautesten schreien. Sie müssen ernst genommen werden. Im Idealfall fühlt sich das Publikum angesprochen – Und denkt darüber nach, wie der gezeigte Horror zu bewältigen ist. Das zeigt hingegen: Film ist politische Praxis, er sorgt für Sensibilisierung und dient als Sprachrohr im Kampf für eine bessere Welt. Andersherum zeigen sich in ihm die Mechanismen, durch die uns Furcht eingeflößt wird. Der Mainstream der Popkultur erzeugt Panik vor dem »Anderen«, anstatt es anzunehmen, zu akzeptieren und zu feiern. Wir können vom Horrorfilm lernen. Wir können lernen, unsere Ängste selbst zu bestimmen und anzugehen, um eines Tages ohne Angst leben zu können. In der Utopie gibt es keine Horrorfilme.

Quellen: Robin Wood, Hollywood from Vietnam to Reagan ...And Beyond. New York, 1986.Andrew Tudor, From Paranoia to Postmodernism? The Horror Movie in Late Modern Society. London, 2002.

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Text und Foto von Till Wilhelm