BEITRAG

Ist Leder ein Abfallprodukt?

Wieso ist es nicht zwangsweise nachhaltiger vegane Schuhe zu tragen? Pelz tragen ist tabu. Darüber sind sich nicht nur in Deutschland viele einig. Doch wie schaut es mit tierischem Leder aus? Hier scheint die Lage etwas komplizierter. Allein die deutsche Lederindustrie verbuchte 2017 Umsätze von knapp einer halben Milliarde Euro [1]. Unzählige Tonnen Echtleder gehen pro Jahr in Form von Schuhen, Jacken, als Möbel- oder Sitzbezüge für Autos über die Ladentheke. Ist das ethisch vertretbar?

Die Antwort: Es ist kompliziert. An erster Stelle muss man festhalten: In der Lederherstellung sterben Tiere. Das ist – zumindest Stand 2021 – Fakt. Für manche ist damit bereits eine rote Linie überschritten und das ist völlig legitim. In jedem Fall lohnt sich ein genauerer Blick auf die vorherrschende Produktionsweise.

Der Großteil des heute weltweit hergestellten Leders stammt aus der fleischverarbeitenden, also der Lebensmittelindustrie [2]. Es handelt sich dabei nicht, wie mancherorts zu lesen, um ein Abfallprodukt, sondern mindestens um ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Die Verarbeitung von Tierhäuten zu Leder macht das Geschäft mit dem Fleisch lukrativer als es wäre, würde man die Häute einfach entsorgen. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man diesen Umstand betrachtet, ergeben sich daraus unterschiedliche ethische Implikationen.

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Eine Argumentation besagt: Wenn das Tier schon sterben muss, dann sollten wir wenigstens den Anstand haben, möglichst viel von seinen sterblichen Überresten zu verwenden, anstatt einfach nur sein Fleisch. So hat man es schließlich auch früher gemacht: Fleisch und Innereien wurden gegessen, Häute gegerbt und zu Leder verarbeitet, aus Horn wurden Schmuck, Kämme oder andere Werkzeuge hergestellt. Dieses Argument lässt sich jedoch genauso gut in die entgegengesetzte Richtung lesen: Tierschützer und Umweltaktivist:innen monieren, dass die komplette Verwertung des Tieres ebenjenes noch weiter zur Ware, zu etwas zu verwertendem degradiert als sowieso schon. Diese Art der Verarbeitung trägt demnach dazu bei, die Wirtschaftlichkeit von Massentierhaltung, Tierleid und Umweltzerstörung zu steigern. Das Ergebnis: Eine Welt, in der Tiere nicht mehr durch Menschenhand sterben, rückt in noch weitere Ferne.

Und ja: Zur traurigen Wahrheit gehört, dass die Bedingungen in der globalen Lederproduktion oft wahnsinnig schlecht sind, sowohl für Tier, Mensch als auch Umwelt. Rinder werden teils ohne Betäubung geschlachtet, für den Anbau von Futtermitteln werden jedes Jahr große Flächen Regenwald gerodet, mitunter minderjährige Gerber:innen stehen bei ihrer Arbeit knietief in Chemikalien, mit Chromsalzen, Zyanid, Blei und Säuren belastetes Abwasser wird ohne Wiederaufbereitung in Flüssen, Feldern und Seen entsorgt [3]. Warum also überhaupt noch Leder tragen? Anders als unsere Vorfahren sind wir nicht mehr auf Pelze und Häute angewiesen, um uns warmzuhalten und im Zweifelsfall den Winter zu überleben. Von Baumwolle über Kunstfaser bis hin zu neuen, veganen Lederersatzstoffen stehen uns heute zahlreiche Alternativen zur Verfügung, mit denen wir uns einkleiden oder unsere Möbel beziehen können. Aber ist das auch nachhaltiger als herkömmliches Leder? Über diese Frage wird nach wie vor gestritten.

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Klassisches Kunstleder ist – technisch gesehen – zwar vegan, besteht aber oft aus erdölbasierten Kunststoffen wie PVC oder Polyurethan. Diese sind im Gegensatz zu Echtleder nicht biologisch abbaubar und werden am Ende ihrer Reise immer noch viel zu oft auf Müllkippen verbrannt oder im Meer entsorgt. Auch die miserablen Arbeitsbedingungen der Näher:innen, die gegen einen Hungerlohn Sportschuhe für internationale Modeunternehmen fabrizieren, unterscheiden sich meist kaum von denen der Gerber:innen einige Blocks weiter [4,5]. Inzwischen werden jedoch auch zusehends vegane Lederalternativen entwickelt, die einen besonderen Fokus auf Nachhaltigkeit legen. Dazu zählen plastikfreie Textilien auf Pflanzenbasis wie etwa das “Ananasleder” Piñatex oder auch Kunstleder, das aus recycelten PET-Flaschen hergestellt wird. Letzteres verwenden wir bei ekn für unsere veganen Modelle wie den Oak Low.

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Doch auch Echtleder lässt sich wesentlich nachhaltiger herstellen, als es die geschilderten, in weiten Teilen der Welt leider nach wie vor vorherrschenden Zustände vermuten lassen würden. So arbeiten unsere Zulieferer aus Portugal schon seit 1988 mit traditionellen Gerb- und Färbeverfahren, die statt Chrom und Aluminium ausschließlich pflanzliche Stoffe wie Eichenrindenextrakt oder Taraschote verwenden. Die Tierhäute werden von Höfen aus der Region bezogen und das verbrauchte Wasser direkt vor Ort wiederaufbereitet, bevor es zur Bewässerung einer Obstplantage weiterverwendet wird. Bei der Frage, was nachhaltiger ist, Leder oder vegane Alternativen, lohnt sich neben tierethischen Überlegungen also auch eine nähere und kritische Betrachtung der Art und Weise wie produziert wird. Werden für meine Kunstlederschuhe Materialien mehrmals kreuz und quer über den Globus geschickt, zum Teil nur für einzelne Veredelungsschritte? Dann ist das wahrscheinlich nicht nachhaltig, auch wenn der Schuh zu 100% aus pflanzlichen Einzelteilen besteht. Stammt mein Lederschuh aus einem kleinen Handwerksbetrieb mit regionalen Zulieferern, die nach ökologischen Prinzipien arbeiten? Dann ist das mit einiger Sicherheit nachhaltiger als der Kunststoffschuh eines internationalen Großkonzerns. Die Beantwortung der Frage, ob man es für sich persönlich verantworten kann, Kleidung aus tierischem Leder zu tragen, kann einem niemand abnehmen, auch kein noch so gut recherchierter Blogartikel nicht. Was sich, ob vegan oder nicht, jedoch immer lohnt, ist ein kritischer Blick auf globale Produktionsbedingungen.


Quellen

[1] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie - Branchenfokus Lederindustrie https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Branchenfokus/Industrie/branchenfokus-le derindustrie.html
[2] Verband der Deutschen Lederindustrie e.V. - Was ist Leder?
https://vdl-web.de/was-ist-leder/
[3] Common Objective - Fibre Briefing: Leather
https://www.commonobjective.co/article/fibre-briefing-leather
[4] Cicero - Der Lohn reicht kaum zum Überleben
https://www.cicero.de/wirtschaft/WM_2018-Adidas-Nationalelf-San_Pedro_Sula-Bay_ Island-Outsourcing
[5] Clean Clothes - Fashion’s Problems
https://cleanclothes.org/fashions-problems